Ich bin dann mal weg – In der Spiegel Kritik

Bestseller-Verfilmung „Ich bin dann mal weg“

Gemüsebrühe für die Seele, von Kaspar Heinrich

Hape Kerkeling pilgerte auf dem Jakobsweg und machte ein Buch daraus. Ein extrem erfolgreiches. So erfolgreich, dass eine Verfilmung zwangsläufig erschien. Doch im Kino bleibt von der Sinnsuche des Komikers nicht mehr viel übrig.

Darf man einen Megabestseller unverfilmt lassen? Das erfolgreichste Sachbuch der deutschen Nachkriegszeit, das sich fast fünf Millionen Mal verkaufte und 100 Wochen auf Platz 1 der SPIEGEL-Liste stand? Einen Schmöker, der dazu noch im sommerlichen Spanien spielt, folglich fototapetenhafte Bilder produzieren muss?

Nein, solch ein Buch darf man offenbar nicht unverfilmt lassen, zumindest wenn man marktwirtschaftlich denkt, wie es die Produzenten rund um Nico Hofmann („Deutschland 83“) getan haben werden. Und so kommt neun Jahre nach der Veröffentlichung von Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ dessen Sinnsuche in die Kinos. Endlich muss man sagen, denn ursprünglich sollte das schon vor fünf Jahren passieren. Dass der Film nun ausgerechnet an Heiligabend startet, ist sicher kein Zufall, vielmehr göttliche (Marketing-)Fügung.

Hans-Peter Kerkeling ist 36 Jahre alt, hat soeben einen Hörsturz und die Entfernung der Gallenblase überwunden, als er im Sommer 2001 aufbricht zu seinem 769 Kilometer langen Fußmarsch vom französischen Saint-Jean-Pied-de-Port ins spanische Santiago de Compostela.

Regisseurin Julia von Heinz zeigt zu Beginn ihrer Adaption einen eindrucksvoll aufgedunsenen Devid Striesow samt Doppelkinn und stattlicher Plauze, dem auf der Bühne erst die Herzen zufliegen, dann die Sinne schwinden – und dem ein Arzt nach dem Zusammenbruch wochenlange strikte Ruhe verordnet. Bald schon reicht es Kerkeling nicht mehr, auf dem heimischen Lieblingssofa eine Zigarette nach der anderen zu inhalieren und dabei die Katze zu streicheln. Also auf in die Pyrenäen!

Geistlichkeit für die Hosentasche

In die nun folgende Pilgergeschichte streut der Film immer wieder Rückblenden aus Kerkelings Jugend ein, sie entführen in den Ruhrpott der späten Siebzigerjahre. Der Zuschauer erfährt, wie der Junge aus Recklinghausen früh seine Mutter verliert, bei der katholischen „Omma Bertha“ aufwächst (gewohnt hemdsärmelig: Katharina Thalbach) und nach anfänglichen Schwierigkeiten schon bald bei Kabarettwettbewerben glänzt, schließlich mit 19 Jahren beim Fernsehen landet.

Kerkelings Reisebericht selbst, den der SPIEGEL ein „Erleuchtungsepos“ nannte, bietet derweil Geistlichkeit für die Hosentasche. Viele Fragen werden darin gestellt, manche beantwortet. Nicht wenige haben mit Gott und der Sinnsuche zu tun. Es gibt allerhand launige Anekdoten von unterwegs, dazu reichlich Spirituelles. Hier weisen Songs im Radio durch ihre Texte den richtigen Weg, Menschen begegnen sich auf wundersam schicksalhafte Weise immer wieder – und am Ende einer jeden Etappe steht Kerkelings „Erkenntnis des Tages“. Die lautet dann etwa „Öffne dein Herz und knutsche den Tag!“ oder „Tu das, was das Leben von dir verlangt!“. Häufig ist das Gemüsebrühe für die Seele: wärmend, aber ein bisschen dünn.

Zusammenhanglose Poesiealbumsprüche

Der Film gießt diese Brühe nun noch einmal mit Wasser auf. Denn der Stoff eignet sich nur scheinbar für eine filmische Umsetzung. Natürlich liefert er Bilder wie aus dem Reiseprospekt, traumhaft schön und sonnenlichtdurchflutet. Doch die etwas tiefere Ebene des Buches, all jene Schmerzen, Zweifel, Selbstbefragungen Kerkelings verkommen in den 90 Minuten vollends zu zusammenhanglosen Poesiealbumsprüchen. Wo im Buch einem Gedanken eine halbe Seite oder mehr gewidmet wird, bleiben im Film meist nur wenige, verloren wirkende Sätze und jede Menge betuliche Harmlosigkeit.

Zugegeben, bei jeder Literaturverfilmung muss eine Auswahl getroffen und die Vorlage verknappt, mitunter zugespitzt werden. Doch bei einem Stoff, dessen Themen Durchhaltevermögen, Entschleunigung und innere Einkehr sind, ist solch ein Schnelldurchlauf eben eine unglückliche Angelegenheit. Da bleibt, um im Bild zu bleiben, allzu vieles auf der Strecke.

Eines der originellsten Bilder des Buches ist Kerkelings Analogie zwischen Religion und Kino, sinnigerweise hat sie es auch auf die Leinwand geschafft. „Gott ist der Film, und die Kirche ist das Kino, in dem der Film läuft“, heißt es dort. Wer behaupte, ein Film sei schlecht, beklagt laut Kerkeling oft nur die miese Qualität der Vorführung. „Die Leinwand hängt leider schief, ist verknittert, vergilbt und hat Löcher. Die Lautsprecher knistern, manchmal fallen sie ganz aus.“

Es geht um Kritik an der Amtskirche, am institutionalisierten Umgang mit dem Glauben. Entsprechend müsste man über „Ich bin dann mal weg“ sagen: Dieser Film ist leider nicht Gott, egal in welchem Kino man ihn sieht.

Quelle: Spiegel.de-Kultur

Zum einen sah ich das nie als Sachbuch, zum anderen vermiest der Autor den bevorstehenden Kinobesuch ganz deutlich. Aber was solls, ich werde  mir den Film trotzdem anschauen.

Alles Liebe, Axel