Ein Novum im Städtebau

Gerade gestern gelesen …

In Ostdeutschland stehen viele Städte vor dem Problem, dass viele Wohnungen leer stehen. Bisher wurden diese Häuser seitens der Vermieter einfach abgerissen, die Fläschchen wurden begrünt. Zumindest in der Theorie – was nun schöne Grünflächen sein könnten, sind oftmals nur (ich weiß auch nicht so recht) ungepflegte „Wildnisflächen“.

Ein Vermieter ging nun einen neuen Weg … Von einem 5stöckigen Wohnblock werden gerade die beiden (unbeliebten) oberen Etagen abgebaut und ein neues Dach aufgesetzt. das sieht ganz gut aus – und spart auch noch die Kosten für einen Fahrstuhleinbau. Mal sehen, ob sich dieses Konzept durchsetzen kann.

Ein anderer Test, aus solchen Wohnblocks Reihenhäuser mit nur einer Etage zu machen, ging bereits vor Jahren daneben …


Stadtentwicklung
Die Mitte wohnt jetzt oben

In der Tornauer Straße trägt der Wohnungsverein zwei Stockwerke eines Fünfgeschossers ab – Mieter erleben den Umbau hautnah mit.
Dessau/MZ.

Der Wohnblock ruht wie ein großes graues Tier neben der Straße, die fünf Stockwerke sind symmetrisch aufgebrochen durch Balkone: Es ist ein Plattenbau aus dem Typenkatalog des industriellen Bauens in der DDR der 70er Jahre. Über den normierten Typenbau hinaus ragt der schlanke Turm der Pauluskirche in der Radegaster Straße himmelwärts wie ein erhobener Zeigefinger. Als wolle er Aufmerksamkeit erheischen: Seht her, was hier passiert.

Premiere im Stadtumbau

In der benachbarten Tornauer Straße erlebt der Dessauer Stadtumbau eine Premiere. Der stand bisher fast synonym für Leerzug und Abriss. In der Tornauer Straße 1 bis 15 nun erhält der Stadtumbau eine neue Facette, denn der Dessauer Wohnungsverein trägt hier die beiden oberen Etagen des Fünfgeschossers ab. Die Besonderheit und unter den vier großen Vermietern in Dessau-Roßlau bisher eine Einmaligkeit: Der Rückbau erfolgt unter „bewohnten Bedingungen“.

Vor Ort legt Klaus-Peter Schmidt den Kopf in den Nacken und blinzelt hinauf in die Maiensonne. Dort oben auf der Baustelle gehen die Zimmerer und Dachdecker der Firma von Axel Sandner ans Werk. Über den Hauseingängen 15 und 14 sind die zwei „überzähligen Etagen“ bereits verschwunden, wird das neue Dach aufgebracht und energetisch gedämmt.

Peu à peu rückt die Baustelle auf dem Giebel des Blocks voran. Dieser Rückbau erscheint schon dem Beobachter von außen anders als ein üblicher Abbruch mit Bagger oder Abrissbirne. „Das ist ein geordneter Rückbau, faktisch die Demontage der Platten, die vor über 30 Jahren hier montiert worden“, sagt Schmidt, der Technische Leiter im Dessauer Wohnungsverein. Denn die Genossenschafter oder Mieter – sie leben ja schließlich auf der Baustelle.

80 Wohneinheiten zählte der Block ursprünglich, mit dem Rückbau der zwei obersten Stockwerke werden es 32 weniger sein. „Die oberen Etagen standen über eine lange Zeit schon fast gänzlich leer, die unteren Geschosse sind gut belegt. Ein Großteil der Bewohner stammt sogar noch aus der Riege der Erst-Bezieher aus den späten 70er Jahren und ist hier im Viertel heimisch geworden.“

Im Wohnumfeld bleiben, aber zu günstigen Bedingungen wohnen – aus diesem Wunsch entwarfen die Planer ein Modell für die Genossenschaft: Wir können die Fördermittel aus dem Stadtumbau auch für einen dezidierten Rückbau nutzen. Im Februar stellte der Wohnungsverein seine Pläne in einer Mieterversammlung vor: Während im Nachbarblock Am Pollingpark in einen baugleichen Fünfgeschosser Fahrstühle für den behindertengerechten Zugang bis zur Wohnungstür eingebaut und so die Obergeschosse leichter erreichbar werden, startet die Modernisierung in der Tornauer Straße vorerst mit der energetischen Sanierung eines niedriger gewordenen Dachs. „Später soll auch hier einmal die Wärmedämmung der Fassaden folgen“, erklärt Klaus-Peter Schmidt.

Die Informationsversammlung im Winter war bestens besucht. Vorgestellt wurde zum einen der geplante Bauablauf. Andererseits aber machten die Bewohner gleich selbst auf ihre persönlichen Umstände oder Sonderfälle (wie Krankheiten oder Pflegebedürftigkeit) aufmerksam. Die Genossenschaft als Bauherr verschaffte sich so also frühzeitig einen Überblick. „Man kann über alles miteinander reden, um Lösungen zu finden“, so der Technische Leiter.


Zeitweiliger Auszug notwendig

Und eine dieser Lösungen ist der zeitweilige Auszug. Werden die Obergeschosse direkt über den Köpfen der Mieter abgebrochen, dann sind die Wohnungen des betroffenen Eingangs von 7 bis 18 Uhr nicht zu nutzen, müssen aus Gründen des Unfallschutzes leer sein. Die Baustelle wandert stetig weiter. Für die Einschränkungen während der Bauzeit schreibt die Genossenschaft einen Betriebskosten- und Mietnachlass gut. Laut Klaus-Peter Schmidt dauern diese Entbehrungen durchschnittlich eine Woche. Zur Zeit müssen sich die Bewohner von Eingang 9 um ihre „Bleibe für den Tag“ kümmern.

„Das läuft gut, die Bauarbeiter sind fleißig“, nickt Rolf Jahn aus Nr.13 anerkennend. Er zog vor 33 Jahren in den Neubau in der Tornauer Straße, erst in den fünften, mittlerweile in eine zwischenzeitlich frei gewordene Wohnung im zweiten Stock. „Hier sind wir zu Hause, hier wollen wir bleiben.“

Das „Leben auf der Baustelle“ dauert in der Tornauer Straße 1-15 noch etwa vier Wochen an. Ist dieser Muster-Rückbau fertiggestellt, soll das Modell „Umbau unter bewohnten Bedingungen“ in Serie gehen.

Das gleiche Prozedere beim Rückbau der zwei obersten Etagen setzt der Wohnungsverein fort im Stadtumbaugebiet Innenstadt. Die Genossenschaft schmilzt zwei weitere Wohnblöcke ab: die Ackerstraße 9 bis 17 und die Neuendorfer Straße 5 bis 19. Bisherige Erfahrungen werden dort genutzt.


Quelle:

http://www.mz-web.de/dessau-rosslau/stadtentwicklung-die-mitte-wohnt-jetzt-oben,20640938,22881806.html